(1912-1992)
Johnny Friedlaender (eigentlich Gotthard Joachim Friedlaender), geboren 1912 in Pleß in Oberschlesien (heute Pszczyna, Polen), gestorben am 18. Juni 1992 in Paris, gehört zu den großen Erneuerern der Farbradierung im 20. Jahrhundert. Der Meisterschüler Otto Muellers an der Breslauer Akademie wurde 1933 von den Nationalsozialisten inhaftiert, emigrierte über die Tschechoslowakei nach Paris und wurde 1952 französischer Staatsbürger. Mit der farbigen Aquatinta schuf er eine unverwechselbare Bildsprache: Vögel, Fische, Pflanzen und kosmische Zeichen, die in samtigen Farbräumen zwischen lyrischer Abstraktion und surrealer Poesie schweben. Seine Pariser Werkstatt bildete eine ganze Generation von Radierern aus; in Deutschland und Österreich blieb er bis zuletzt hoch geschätzt.
Die Galerie Le Coin des Arts zeigt eine Auswahl seiner Farbradierungen mit Aquatinta, darunter Maternité (1955), Poisson V (1959), Ombres errantes (1969), Oiseau dans le cercle (1970), Les merveilles du ciel (1975), ein Sans titre von 1975, Contrepoints (1977), Sur fond rouge (1981), Règne végétal IV (1983) und Les Oiseaux, dazu drei kleine radierte Neujahrskarten (Deux oiseaux III, 1957; Oiseau VI, 1958; Sans titre, 1961) sowie das illustrierte Buch Petit Bestiaire de Johnny Friedlaender (1963). Jedes Blatt wird nach Druckqualität, Auflage, Provenienz und Erhaltung ausgewählt.
Friedlaender war der Sohn eines Apothekers. 1921 zog die Familie von Pleß nach Breslau. Noch als Gymnasiast wurde er 1928 an der Staatlichen Akademie für Kunst und Kunstgewerbe Breslau aufgenommen, wo er in die Meisterklasse von Otto Mueller, dem Maler der Brücke, eintrat und später bei Carlo Mense studierte. In Breslau entstanden seine ersten Radierungen und Lithografien. Mit achtzehn Jahren, 1930, übersiedelte er nach Dresden; die Galerie J. Sandel zeigte ihn in Gruppenausstellungen. 1932 verbrachte er drei Monate in Paris.
Nach der Machtergreifung wurde Friedlaender 1933 verhaftet und in einem Konzentrationslager festgehalten; im Dezember freigelassen, musste er sich täglich bei der Polizei melden. 1935 emigrierte er in die Tschechoslowakei, wo er erstmals seine Radierungen in einer Einzelausstellung zeigte. Reisen führten ihn nach Österreich, in die Schweiz, nach Belgien und in die Niederlande, wo er in Den Haag ausstellte. 1937 ließ er sich mit seiner Frau als politischer Flüchtling in Paris nieder; die Aufenthaltsgenehmigung musste wöchentlich erneuert werden. André Lhote würdigte ihn in der Nouvelle Revue française, und für die Wochenzeitung Marianne lieferte er Illustrationen. Von 1939 bis 1943 war er in französischen Lagern für Ausländer interniert. Der Radierzyklus Images du malheur (zwölf Blätter) verarbeitet diese Jahre.
1945 kehrte Friedlaender nach Paris zurück, arbeitete für Zeitungen und widmete sich nun ganz der Radierung. Er stellte in der Buchhandlung und Galerie La Hune aus und war von 1947 bis 1969 regelmäßig im Salon de Mai vertreten. 1949 gründete er seine Radierwerkstatt L’Ermitage, aus der auch die Éditions de l’Ermitage hervorgingen. Hier lernten zahlreiche junge Künstler aus aller Welt Radierung und Aquatinta: der Brasilianer Arthur Luiz Piza (ab 1952), Brigitte Coudrain (1954), der Belgier René Carcan, die Bolivianerin Graciela Rodo Boulanger und der deutsche Maler Andreas Nottebohm. 1952 wurde Friedlaender eingebürgert. Es folgten die Triennale in Mailand und Tokio (1951), die Biennale von São Paulo und die erste Internationale Grafikausstellung in Ljubljana (1955) sowie die Biennale von Venedig 1958.
Ab den 1960er-Jahren wurden deutsche Verlage zu wichtigen Partnern. Bei der Manus Presse in Stuttgart erschien die Mappe Exercices, acht Aquatinten im Dialog mit dem Komponisten Carl Orff, ebenso der Band Œuvre 1961-1965 (1967); auch Graphik International in Stuttgart verlegte seine Blätter. 1966 kehrte Friedlaender zur Malerei zurück und lehrte 1966/67 als Professor an der Internationalen Sommerakademie für Bildende Kunst in Salzburg; 1977 hatte er seine erste Ausstellung in der Galerie Welz in Salzburg, und das Museum der Moderne Salzburg besitzt heute mehrere seiner Blätter. Nach der Retrospektive im Musée d’Art moderne de la Ville de Paris (1978) zeigte das Kupferstich-Kabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden im Sommer 1980 eine große Ausstellung im Albertinum – eine Heimkehr in die Stadt seiner Anfänge. 1982 erhielt er den Lovis-Corinth-Preis. Die Kunsthalle Bremen ehrte ihn 1987 zum 75. Geburtstag mit einer Retrospektive, zum 80. Geburtstag folgte 1992 eine Ausstellung in Bonn, und bei Braus in Heidelberg erschien ein von Berthold Roland herausgegebener Katalog. Friedlaender starb am 18. Juni 1992 in Paris.
Friedlaender arbeitete fast ausschließlich im Tiefdruck. Die Radierung liefert die feine, nervöse Linie, die Aquatinta – ein auf die Kupferplatte aufgeschmolzenes Harzkorn – flächige Tonwerte, Verläufe und lasierende Farbschleier, die an Aquarell erinnern. Viele Blätter sind nahezu randabfallend gedruckt, auf Bütten von Arches oder BFK Rives; übliche Auflagen liegen bei etwa 95 Exemplaren. Maßgeblich ist das Werkverzeichnis von Rolf Schmücking, erschienen in der Galerie Schmücking in Braunschweig: Johnny Friedlaender. Radierungen 1930–1972 (1973), ein zweiter Band für 1973–1976 (1977) und Werkverzeichnis der Radierungen 1977–1981 (1982). Zitiert wird „Schmücking“ mit Nummer: Gammes I (1976, Graphik International, 95 Exemplare) ist Schmücking 447, Improvisation (1980, Éditions de l’Ermitage) Schmücking 647. Blätter nach 1981, etwa Règne végétal IV (1983), sind darin nicht erfasst. Ergänzend: Schmücking, Friedländer – 100 Radierungen (Basel, 1983).
Werkverzeichnis. Titel wie Oiseau, Poisson oder Composition wiederholen sich ständig; bis 1981 identifiziert nur die Schmücking-Nummer mit Datum und Plattenmaß ein Blatt eindeutig.
Auflage. Auflagendrucke sind mit Bleistift nummeriert; daneben gibt es Künstler- und Probedrucke, mitunter in abweichenden Farben. Mehr zum Druck.
Signatur und Stempel. Die Blätter sind eigenhändig mit Bleistift signiert; spätere Editionen tragen mitunter den Trockenstempel des Verlegers. Siehe Signatur.
Erhaltung. In den dunklen, randabfallenden Aquatintaflächen fallen Abrieb, Stockflecken und Lichtränder sofort auf. Rot- und Blautöne bleichen aus: UV-Schutzglas ist Pflicht, siehe Rahmen.
Vorsicht. Offset-Ausstellungsplakate, oft ohne Schrift, und Reproduktionen „nach“ Friedlaender sind verbreitet. Unsere Garantien finden Sie unter Authentizität.
Die Galerie zeigt Friedlaender neben seinen Schülern und anderen Radierern der Pariser Nachkriegszeit: Arthur Luiz Piza, René Carcan, Hans Hartung, Horst Antes und Max Ernst. Entdecken Sie auch die Schule von Paris und lyrische Abstraktion und unsere Radierungen und Lithografien.
Rolf Schmücking, Johnny Friedlaender. Radierungen 1930–1972, Braunschweig, Galerie Schmücking, 1973 (Bd. 2: 1973–1976, 1977; Bd. 3: 1977–1981, 1982) · Rolf Schmücking, Friedländer – 100 Radierungen, Basel, 1983 · Johnny Friedlaender. Ausstellung im Albertinum, Dresden, Staatliche Kunstsammlungen, Kupferstich-Kabinett, 1980 · Berthold Roland (Hg.), Johnny Friedlaender zum 80. Geburtstag, Heidelberg, Braus, 1992 · Ketterer Kunst – Biografie · Galerie Welz, Salzburg · Museum der Moderne Salzburg
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