(1907-1975)
© Belvedere, Vienna, donation from the estate of Franz Hagenauer Photo: Belvedere, Vienna, Estate Fritz Wotruba
Fritz Wotruba, geboren am 23. April 1907 in Wien und gestorben ebenda am 28. August 1975, zählt zu den einflussreichsten österreichischen Bildhauern des 20. Jahrhunderts. Seine aus Blöcken, Walzen und Kuben gefügten Menschenfiguren – zunächst in Stein gehauen, später in Bronze gegossen – stehen gleichsam zwischen Skulptur und Architektur. Als Professor an der Akademie der bildenden Künste Wien prägte er rund dreißig Jahre lang mehrere Bildhauergenerationen; sein letztes großes Werk ist die Kirche Zur Heiligsten Dreifaltigkeit in Wien-Mauer. Daneben schuf er ein bedeutendes zeichnerisches und druckgrafisches Werk, vor allem Originallithografien, in denen das Formvokabular seiner Plastik auf wenige, gegeneinander gesetzte Massen verdichtet ist.
Die Galerie Le Coin des Arts zeigt mehrere Originallithografien von Fritz Wotruba aus bedeutenden Sammelmappen: zwei Blätter aus der Mappe Hommage à Hans Arp, einer nach Arps Tod 1966 entstandenen Folge kleinformatiger Lithografien (etwa 22 × 17 cm), darunter ein mit Bleistift signiertes und römisch XVIII/XX nummeriertes Exemplar, sowie Il pleuvait, die Lithografie zu einem Gedicht aus Jean Cassous Mappe Vingt-deux poèmes, erschienen 1978, also nach dem Tod des Künstlers (Exemplar 29/115). Jedes Blatt wurde nach Druckqualität, Auflage, Provenienz und Erhaltung ausgewählt.
Wotruba war das jüngste von acht Kindern eines aus Böhmen stammenden Schneidergehilfen und einer ungarischen Hausgehilfin. Von 1921 bis 1925 absolvierte er eine Lehre als Stanzengraveur; 1926 begann er an der Wiener Kunstgewerbeschule ein Bildhauerstudium bei Anton Hanak und Eugen Steinhof, von der er 1929 aus disziplinären Gründen verwiesen wurde. Im selben Jahr heiratete er in Wien die aus Düsseldorf stammende Marianne Fleck (1905–1951). Der Durchbruch kam in Deutschland: 1931 richtete ihm das Museum Folkwang in Essen die erste Einzelausstellung aus. 1932, 1934 und 1936 war er auf der Biennale di Venezia vertreten. 1932 entstand für Leoben in der Steiermark das Denkmal Mensch, verdamme den Krieg, Auftakt einer Reihe von Denkmälern für die Arbeiterbewegung und die Opfer politischer Gewalt.
Nach der Ausschaltung des österreichischen Parlaments ging Wotruba im März 1933 mit seiner Frau für rund acht Monate nach Zürich, wo der Große liegende Jüngling entstand. Zurück in Wien, schloss er Freundschaft mit Elias Canetti, der 1954 einen begeisterten Text über ihn veröffentlichte. Nach dem „Anschluss“ floh er im September 1938 erneut nach Zürich; im Januar 1939 konnte seine Frau nachkommen, im Mai 1939 zog das Paar nach Zug. Ihr Haus wurde zum Treffpunkt Schweizer und emigrierter Künstler und Intellektueller; zu Wotrubas Freunden zählten Robert und Martha Musil. Schweizer Mäzene und Sammler wie Fritz und Editha Kamm, Jean Rudolf von Salis, Georg Reinhart und Emil Bührle unterstützten ihn. Im Exil fand er zu seiner eigenen Formensprache. Die Verbindung zu Zug blieb lebendig: Das Kunsthaus Zug zeigte 1992 eine Retrospektive, und 1998 erschien in Zug ein Katalog der Stiftung Sammlung Kamm.
Im Dezember 1945 kehrte Wotruba nach Wien zurück, um eine Meisterschule für Bildhauerei an der Akademie zu leiten; 1947 wurde er außerordentlicher, 1954 ordentlicher Professor. Zu seinen Schülern gehörten Joannis Avramidis, Alfred Hrdlicka, Josef Pillhofer, Roland Goeschl, Herbert Albrecht und Marc Adrian. Ende der 1940er-Jahre entstanden die großen Steinfiguren, darunter die Große sitzende Figur („Menschliche Kathedrale“, 1949), die die Österreichische Galerie – das heutige Belvedere – 1954 erwarb. Von 1953 bis Mitte der 1960er-Jahre war er künstlerischer Leiter der Galerie Würthle. Er erhielt den Preis der Stadt Wien, den Gustav-Klimt-Preis der Wiener Secession (1955) und den Großen Österreichischen Staatspreis; für das Große Figurenrelief im österreichischen Pavillon Karl Schwanzers auf der Weltausstellung Brüssel 1958 wurde ihm der Grand Prix für Skulptur zuerkannt.
Wotruba war auf der documenta II (1959) und der documenta III (1964) in Kassel vertreten und nahm insgesamt siebenmal an der Biennale in Venedig teil. Mit dem Regisseur Gustav Rudolf Sellner entwarf er 1959–1967 Bühnenbilder und Kostüme für Dramen des Sophokles und Wagners Ring. In Deutschland entstanden außerdem der Entwurf eines Mahnmals für die Opfer des Nationalsozialismus in Stuttgart (1965) und ein Richard-Wagner-Denkmal für Mainz; 1965 wurde er Mitglied der Künstlervereinigung Neue Gruppe in München. 1963 widmete ihm das Wiener Museum des 20. Jahrhunderts seine erste umfassende Personale in der Heimatstadt. Aus einem Modell von 1967 ging die Kirche Zur Heiligsten Dreifaltigkeit („Wotrubakirche“) in Wien-Mauer hervor, 1974–1976 mit dem Architekten Fritz Gerhard Mayr errichtet. Wotruba, seit 1955 mit Lucy Vorel verheiratet, starb vor ihrer Vollendung und ruht auf dem Wiener Zentralfriedhof. Sein Nachlass, ab 2007 von der Fritz Wotruba Privatstiftung betreut, gehört seit 2021 dem Belvedere und ist im Wotruba-Depot und Studienraum im Belvedere 21 zugänglich, wo 2025/26 die Ausstellung „Wotruba International“ zu sehen war.
Wotrubas Druckgrafik entstand im Wesentlichen ab 1950. Die Lithografie erlaubte ihm, seine aufgetürmten Figuren auf wenige, kräftig umrissene Volumen zurückzuführen – ein flächiges Echo des behauenen Steins. Viele Blätter erschienen in Sammelmappen und bibliophilen Ausgaben. In der Mappe Hommage à Hans Arp, entstanden nach Arps Tod 1966, finden sich Lithografien unter anderem von Robert Motherwell, Asger Jorn, Antoni Tàpies, Hans Hartung, Alberto Magnelli, Ossip Zadkine und dem Berliner Bildhauer Bernhard Heiliger; Jean Cassous Vingt-deux poèmes verbindet jedes Gedicht mit einer Grafik eines anderen Künstlers, darunter Max Bill, Otto Dix, Ernst Wilhelm Nay und Serge Poliakoff.
Eng mit Wotruba verbunden ist das St. Galler Haus Erker: Der Erker-Verlag veröffentlichte 1994 Hommage à Michelangelo (mit Franz Larese und Jürg Janett) und 2002 das von Jürg Janett herausgegebene Werkverzeichnis der Skulpturen, Reliefs, Bühnen- und Architekturmodelle von Otto Breicha und Nicole Pfister. Maßgeblich für die Druckgrafik ist der Katalog von Renata Antoniou, Fritz Wotruba. Druckgraphik 1950–1975, erschienen 1989 zur Ausstellung der Graphischen Sammlung Albertina in Wien (11. Mai bis 6. Juli 1989); die Neue Deutsche Biographie nennt zudem eine Arbeit derselben Autorin zum druckgrafischen Werk von 2003. Ein dort verzeichnetes Blatt wird in der Regel als „Antoniou“ mit Nummer zitiert.
Auflage und Nummerierung. Die Mappenauflagen sind klein: Die Blätter der Hommage à Hans Arp im Museum of Fine Arts, Houston, sind auf 100 nummeriert; daneben gibt es römisch nummerierte Exemplare. Siehe der Druck.
Signatur. Ein mit Bleistift signiertes Blatt ist deutlich gesuchter als ein unsigniertes Exemplar derselben Mappe. Siehe die Unterschrift.
Erscheinungsjahr. Wotruba starb 1975; ein späteres Datum wie 1978 bei der Cassou-Mappe bezeichnet die Veröffentlichung, nicht die Entstehung. Fragen Sie, wann und wie das Blatt signiert wurde.
Mappenblätter. Viele Lithografien sind heute aus ihren Mappen gelöst. Prüfen Sie Mappentitel, Format und nach Möglichkeit Textblatt oder Impressum.
Werkverzeichnis und Provenienz. Fragen Sie nach der Antoniou-Nummer; fehlt sie, zählt eine dokumentierte Herkunft umso mehr.
Erhaltung und Fallstricke. Achten Sie auf Lichtränder, Stockflecken und alte Klebestreifen; Ausstellungsplakate und Reproduktionen sind keine Originalgrafik. Mehr unter Authentizität und Rahmen.
Die Galerie präsentiert Wotrubas Lithografien im Umfeld verwandter Bildhauer und Künstler: Hans Arp, Bernhard Heiliger, Marino Marini, Ossip Zadkine und Henry Moore. Entdecken Sie auch die moderne Kunst und unsere Radierungen und Lithografien.
Renata Antoniou, Fritz Wotruba. Druckgraphik 1950–1975, Graphische Sammlung Albertina, Wien 1989 · Otto Breicha, Nicole Pfister, Fritz Wotruba. Werkverzeichnis. Skulpturen, Reliefs, Bühnen- und Architekturmodelle, hg. von Jürg Janett, Erker-Verlag, St. Gallen 2002 · Gabriele Stöger-Spevak, „Wotruba, Fritz“, in: Neue Deutsche Biographie, Bd. 28, 2024 · Deutsche Biographie – Fritz Wotruba · Belvedere – Wotruba International (Pressetext) · Belvedere – Wotruba-Depot
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