(1909-1984)
Gustave Singier, geboren am 11. Februar 1909 in Warneton (Westflandern, Belgien), gestorben am 5. Mai 1984 in Paris, zählt zu den Malern der Neuen Pariser Schule (Nouvelle École de Paris), die unter der deutschen Besatzung mit den „Jungen Malern französischer Tradition“ hervortraten. Er war Mitbegründer des Salon de Mai, Künstler der Galerie de France und Professor an der Pariser École des Beaux-Arts. Seine ungegenständliche Malerei verwandelt Landschaftserinnerungen in leuchtende Farbflächen und Zeichen. Bereits 1955 war er auf der ersten documenta in Kassel vertreten. Seine Original-Farblithografien der 1950er- und 1960er-Jahre bieten einen idealen Zugang zu seinem Werk.
Die Galerie Le Coin des Arts bietet derzeit vier Originalgrafiken von Gustave Singier an: die Farblithografien L’Ancêtre (1957) und La Patriette de Gonzalve (1957), Letztere von der Galerie de France verlegt und bei Mourlot gedruckt, eine Lithografie Sans titre von 1964 sowie eine Tiefdruckgrafik Sans titre von 1978. Jedes Blatt wurde nach Farbfrische, Bleistiftsignatur, Rändern und Erhaltungszustand ausgewählt.
Singiers Kindheit fällt in die Zeit der deutschen Besetzung Belgiens im Ersten Weltkrieg. 1919 zog die Familie nach Paris, wo der Vater als Kunsttischler arbeitete. Mit etwa vierzehn Jahren begann Singier zu malen. Von 1923 bis 1926 besuchte er die École Boulle, die Pariser Fachschule für Möbelbau und Kunsthandwerk. Ab 1927 war er als Zeichner bei einem Dekorateur tätig und entwarf Innenausstattungen, Möbel und Ladeneinrichtungen für Kaufhäuser. Malen lernte er außerhalb jeder Akademie.
1936 lernte er den Maler Charles Walch kennen, der ihn ermutigte und ihm den Weg in die Pariser Salons ebnete. 1940 wurde der noch belgische Staatsbürger in die belgische Armee eingezogen und nach dem deutschen Einmarsch in Belgien nach Bagnols-sur-Cèze geschickt. Von 1941 bis 1944 arbeitete er in der Werkstatt seines Vaters. 1941 gehörte er zu den Künstlern, die Jean Bazaine in der Galerie Braun zur Ausstellung „Vingt jeunes peintres de tradition française“ versammelte – zusammen mit Alfred Manessier, Maurice Estève, Charles Lapicque, Jean Le Moal und Édouard Pignon. Hinter dem patriotisch klingenden Titel verbarg sich ein Bekenntnis zur modernen, farbbestimmten Malerei, während die Nationalsozialisten die Moderne als „entartet“ verfemten.
Nach der Befreiung war Singier 1945 Gründungsmitglied des Salon de Mai und blieb einer seiner wichtigsten Organisatoren. Nun entdeckte er Kandinsky, Paul Klee und Mondrian; deren Interesse an Volkskunst, Kinderzeichnungen und außereuropäischer Kunst führte ihn zu vereinfachten, kräftigen Formen auf hellen Gründen. 1947 wurde er französischer Staatsbürger, 1949 zeigte die Galerie Billiet-Caputo seine erste Einzelausstellung. Danach stellte er bei René Drouin und vor allem bei der Galerie de France von Myriam Prévot und Gildo Caputo aus, die auch Hans Hartung, Pierre Soulages und Zao Wou-Ki vertrat. Von 1951 bis 1954 unterrichtete er an der Académie Ranson. Gemälde wie Les Oliviers et la mer (1948) oder Ciel et mer (1956) übersetzen die Erinnerung an eine Landschaft in ein Gefüge aus Zeichen und Farbflächen. Auf der ersten documenta in Kassel (1955) wurde der gebürtige Belgier – wie viele in Paris lebende Künstler – unter den Franzosen geführt. Im Jahr darauf erwarb der französische Staat sein Gemälde Nocturne égyptien (1955), heute im Musée national d’art moderne (Centre Pompidou).
Neben der Tafelmalerei schuf Singier Entwürfe für Tapisserien und Glasfenster, Mosaiken und Wandbilder sowie Bühnenbilder und Kostüme, unter anderem für Jean Vilars Théâtre National Populaire und die Pariser Oper. 1967 berief ihn André Malraux an die École nationale supérieure des Beaux-Arts, wo er das einstige Atelier von Gustave Moreau übernahm und bis 1978 lehrte. Aus diesem Jahrzehnt stammt etwa Méridienne agitée (1961). Zu seinen späten Werkgruppen gehört die vierteilige Folge Maldoror (1975–1977) nach Lautréamont. Singier starb 1984 in Paris und ist auf dem Friedhof Montparnasse beigesetzt.
Singiers bevorzugtes Medium war die Farblithografie. Für den deutschsprachigen Sammler ist besonders der Verlag L’Œuvre Gravée von Bedeutung, den Nesto Jacometti gründete und der in Paris und Zürich tätig war. Hier erschienen unter anderem Le Voyageur (1954, Lithografie in sechs Farben, Auflage 200 auf BFK Rives, Künstlerabzüge auf Japanpapier), Heure méridienne (1957, Auflage 200) und Lagune nuit (1957, Auflage 150); die Blätter tragen unten links den Trockenstempel des Verlags. Deutsche Auktionshäuser, etwa Quittenbaum, haben Blätter aus der Sammlung Jacometti versteigert und zitieren dabei die Referenz „Wyder 1994“. Im selben Jahr erschien beim Museo Casorella eine zweibändige Publikation über Jacomettis Verlagstätigkeit und Sammlung.
Der zweite wichtige Auftraggeber war die Galerie de France: 1956 bestellte sie bei Singier Farblithografien zum Traité des appareils, einem Text von André Frédérique mit einer Partitur von Pierre Barbaud. Die bei Mourlot gedruckten Blätter von 1957 tragen verspielte Titel wie La Patriette de Gonzalve, Le Contrapunctor de Buxtehude oder Le Rotatostroï du barine Michaël. Daneben arbeitete Singier im Tiefdruck, etwa in Aquatinta, und illustrierte mehrere Bücher. Ein veröffentlichtes Werkverzeichnis der Druckgrafik konnten wir nicht ermitteln; die Blätter werden daher über Titel, Datum, Technik, Auflage und Verleger bestimmt.
Signatur und Nummerierung. Auflagenexemplare sind mit Bleistift „G. Singier“ oder „Singier“ signiert, häufig datiert und nummeriert (27/200, 29/150). „HC“ und „E.A.“ bezeichnen Abzüge außerhalb der Auflage. Mehr zu Signatur und Auflage.
Verleger und Trockenstempel. Ohne Werkverzeichnis sind der Trockenstempel von L’Œuvre Gravée oder eine Provenienz Galerie de France die besten Anhaltspunkte.
Papier und Ränder. Üblich ist Velin BFK Rives, einzelne Abzüge sind auf Japan gedruckt. Vollständige Ränder sind vorzuziehen.
Erhaltung. Singiers Rot-, Gelb- und Blautöne sind lichtempfindlich. Achten Sie auf Lichtrand, Stockflecken und alte Klebestreifen; beim Rahmen empfiehlt sich UV-Schutzglas.
Fallstricke. Ausstellungsplakate und Offset-Reproduktionen sind keine Originalgrafik. Unsere Garantien finden Sie unter Authentizität; siehe auch Was ist ein Originaldruck?
Die Galerie wählt auch Grafiken von Künstlern aus Singiers Umfeld aus: Jean Bazaine, Alfred Manessier, Hans Hartung, Édouard Pignon und Ernst Wilhelm Nay. Entdecken Sie die Schule von Paris und lyrische Abstraktion sowie unsere Radierungen und Lithografien.
Walter Grasskamp – documenta als internationale Ausstellung 1955–1972 (OnCurating) · Quittenbaum – Sammlung Jacometti · Hood Museum of Art – Lagune nuit (L’Œuvre Gravée, Paris/Zürich) · Centre Pompidou – Nocturne égyptien · Encyclopædia Universalis, „Singier Gustave (1909-1984)“ · MoMA – Gustave Singier
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